Grabpflege bei Böll

08. 01. 2011

Die Toten besuchen – und dann in den Zug steigen.
Der Zug hält in der Ebene. Im Hintergrund das sanft ansteigende Hügelland der Voreifel. Der letzte Wohnort Heinrich Bölls liegt hier oben, auf einem Hügel, wie der gesamte Ort. Ein Kirchturm scheint den Weg zu weisen. Der mächtige Rhein und Köln sind nur noch Bilder wie Postkarten.
Die Strasse führt sacht, aber stetig bergan und ich folge ihr.
Bornheim-Merten, das ist wie ein Dorf, ein überschaubarer Ort mit einer Apotheke, einem Lebensmittelladen, einer Schule. Niedrige Wohnhäuser und schmale Gassen. Fachwerkhäuser und Holztore. An einer Ecke steht eine Marienstatue hinter Glas, mit der bekannten Büßerhaltung und dem Gesicht der ewig Duldsamen. Auf dem Kirchplatz lungern Jugendliche herum, wie überall, sitzen auf der Rückenlehne der Holzbank und rauchen und reden. Es ist ein milder Frühlingstag, aber ich schwitze vom Laufen.

Vorher war ich in seiner Stadt, in Köln, und begegnete einem Clown. Da war Bölls Gesicht, sein stets etwas wehmütiges Gesicht, seine Augen, die alles durchdrangen. Da war sein Köln, da waren seine Menschen. Eine Rentnerin am Rhein, ein Arbeitsloser in der Strassenbahn, ein Angler am Ufer. Die Heimkehrer, die Heimatlosen, die Arbeiter, die Suchenden, die Verzweifelten. Die Kirchen und ihre Kerzen, die für die Toten und die Verlorenen brennen. Als ich zu der Station hinunterging, von der mein Zug abging, sah ich einen Clown auf den Treppenstufen sitzen, mit weiß geschminktem Gesicht, das wie eine Totenstarre alles verbarg, er hielt eine Gitarre in den Händen, den offenen Hut vor sich zwischen den Füßen. Ich konnte es nicht glauben, drehte mich noch einmal um, und da waren die Stufen leer, der traurige Clown verschwunden.

„Der Böll?“ fragt der alte Mann und zeigt die gewundene Strasse hinauf. „Da oben hat er gewohnt. Gar nicht weit.“
Wir gehen nebeneinander her. Der Alte redet.
„Der Böll, das war ein patenter Kerl.“
„Haben Sie ihn gekannt?“
„Natürlich. Wir haben uns oft unterhalten. Ein patenter Kerl.“
„Er war nett, nicht?“
„Ich kam oft mit meinem Enkel. Er ging spazieren. Er sprach gerne. Er war immer freundlich.“
Der alte Mann dachte an früher. Ich auch. An die Taschenbücher von Böll, die ich als Junge von sechzehn Jahren entdeckt hatte. Wie ich ihn als späterer Leser aus den Augen verlor, und wie ich ihn wiederfinden wollte, denn es ging plötzlich um viel mehr als um den letzten Krieg.
„Bei der Beerdigung spielten Zigeuner, so mit Geigen.“
„Ja“, sagte ich,  „und der Grass war auch da, oder?“
Der alte Mann scheint den Namen nicht genau zu kennen.
„Weizäcker“ , sagt er schließlich. „Der war da. Was war der noch? Was heute der Rau ist.“
„Bundespräsident.“
„Bundespräsident. Jawohl. Der war da.“
„Und die Roma und Sinti spielten?“
„Wer?“
„Die Zigeuner.“
„Ja, sie spielten. Sie machten Musik, den ganzen Weg zum Friedhof hin.“
Der kleine Friedhof liegt noch höher, einsam für sich, und man hat einen schönen Blick über die Wiesen und Hügelketten. Ich suche nach dem vertrauten Namen auf den Grabsteinen, finde ihn nicht. In der Nähe ist eine Frau mit der Grabpflege beschäftigt. Ich nicke ihr zu, suche weiter. Schließlich hebt sie den Kopf.
„Wollen Sie zu Böll?“ ruft sie herüber und das klingt für mich, als könnte ich einfach zu ihm gehen und an seiner Tür klingeln, wie so viele vorher schon.
„Ja.“
„Dort oben.“
Sie hält mich am Arm fest.
„Gerade habe ich noch den Lamprecht im Supermarkt gesehen. Kennen Sie den, den Günther Lamprecht, den Schauspieler?“
„Ja, klar kenne ich den.“
Sie schaut mich etwas ungläubig an, etwas vorwurfsvoll auch, als hätte ich ihr etwas weggenommen.
„Er schreibt an seinem zweiten Buch. Es spielt in Berlin.“
„Ich wusste nicht, dass er hier lebt“ , erkläre ich.
„Er ist natürlich oft unterwegs, zu Filmaufnahmen.“
Ich nicke und will weiter.
„Es kommen manchmal noch Leute zu dem Grab von dem Böll“, sagt sie und stützt sich auf die Harke. „Obwohl es da gar nichts zu sehen gibt.“
Es gibt keinen Grabstein, deshalb habe ich es nicht finden können. In meiner Erwartung habe ich einen wuchtigen Grabstein gesucht, einem großen Schriftsteller, einem Nobelpreisträger, angemessen. Nichts dergleichen. Das Grab ist von Efeu überwuchert. Zwischen den Efeuranken liegt ein Stein, auf dem aus Eisenstäben Bölls Name geformt ist, in seiner Handschrift, wie  man sie von seinen Büchern her kennt. Es ist, als habe er selber seinen Namen auf das Grab geschrieben. Die Konstruktion aus Eisen zeigt zudem noch die Gestirne, Sonne, den Mond, die Sterne, bunt bemalt, wie von Kinderhand.
Ich setze mich auf die Bank unter den großen Baum und bleibe lange sitzen. Irgendwann verlässt die Frau den Friedhof. Sie winkt mir zum Abschied mit der Harke.
Bevor ich gehe, pflücke ich einige Efeublätter vom Grabe Heinrich Bölls und stecke sie in meine Brusttasche. Auf dem ganzen Heimweg nehme ich mir vor, nach meiner Rückkehr in der Stadt den Clown wiederzufinden, der mich in meiner Jugend begleitet hat und den ich irgendwo verloren hatte. Ich nahm mir auch vor, niemals die Bücher Günther Lamprechts zu lesen, weder das erste noch das zweite.
Aber das geht nun nicht gegen den Schauspieler.