Howl about Kerouac

11. 01. 2011

Blattfall.
Abszission bezeichnet das Abwerfen von Blättern und Früchten. Blattfall, Fruchtfall, Laubfall, Blütenfall.
Selbstreinigung durch Entfernung alter, verletzter oder erkrankter Teile.
Im Oktober, im Indianersommer Neu-Englands, heißt es, verbluten die Seelen der Toten in den verfärbten Blättern. Hügel voller Farben, Meere von Laub.
In einer kleinen Industriestadt am breiten Strom des Merrimac Rivers findet eine Beerdigung statt. Der Sarg wird die breiten Steinstufen der Fd. Church hinabgetragen, auf die Hauptstraße, wo ein Passant neugierig einen der bärtigen Trauergäste fragt, wer denn in dem Sarg liege, und die Antwort bekommt: Jack Kerouac.
Es ist das Jahr 1969 und der Passant fragt weiter: Und wer ist Jack Kerouac?
Heute wissen viele, wer Kerouac war. Ein Mann, der vierzehn Bücher schrieb und daran starb, dass nur eines gelesen wurde. Der haltlose traurige Trinker, der Erfolg wie Misserfolg bedauerte und beides nicht ertrug. Ein Schriftsteller, der an das Heilige des Schreibens und Lesens glaubte, denn beides bedeutete Leben, Teilnahme am Leben, Erdulden des Lebens, Weitergeben von Leben. Alles, was er sah, war lebendig und Teil einer einzigen Geschichte.
Wer war Jack Kerouac?
Wir kennen ihn nicht. Er ist ein Mythos, eine Schattengestalt, eine Seele, die zu früh da war, um erkannt zu werden, für die meisten auf immer unsichtbar. Vor den Worten gab es die Abenteuer, gab es die Straße. Zuerst begrüßte man die Berge und das Meer. Er war Amerikaner und war es voller Stolz, einen Traum in seinem Herzen, er schwärmte von den Küsten, von Bergseen und Schokoladeneis, von Jazz und Bier und Gesang in der Nacht. Er tanzte in den Negerstrassen und in der Lyrik seines Freundes Allen Ginsberg. Wohin ging er, als die Welt ihn schließlich wollte? In das Innere Amerikas, das ihn verschlang.
Blattfall in den Wäldern hinter der Stadt, auf dem Friedhof. Als ich nach Lowell komme, dreißig Jahre nach seinem Tod, regnet es in Strömen und die Stadt sieht trist aus, Kleinstadt mit Backsteingebäuden, ein Diners namens Paradise, erste Liebe unter der alten runden Schuluhr, die über dem Bürgersteig hängt. Der Fluss mit der langen Eisenbrücke, das ärmliche Viertel, Pawtuckettville, wo Kerouac geboren wurde, in einem zweistöckigen Holzhaus, eine große amerikanische Fahne hängt verloren von der Veranda herab.
In der Nacht sehe ich seinen Mond über den Herbstdächern der Stadt, höre sein Lachen und seine Begeisterung, erlebe die Energie von Küste zu Küste, sehe seine Versunkenheit vor einem
Grashalm.
Hi Jack, wir, die wir nicht reisen und die wir andere für uns träumen lassen, wir grüßen dich. Hi Jack, die wir nicht trinken, wir schunkeln eine Minute mit dir und lassen dich allein sterben. Hi Jack, wir dichten uns Strassen ins Leben und haben nicht verstanden, dass Staunen das Geheimnis ist.
Charlie Parker ist in Tönen auferstanden, in einem letzten Klagen des goldenen Saxophones. Mit rollenden Negeraugen bläst er schwitzend und glücklich den letzten Chorus, und fern von ihm hängen Möwen im Sommerblau des Himmels, über den Holzpieren von San Francisco, und in einer schweigenden Berghütte wird hoch oben in den Eisfeldern und Gipfeln der Welt, zwischen gelben Lupinen und erwachten Bergblumen, hoch über allem städtischen Erfolg und Tod ein kleines ernstes buddhistisches Haiku geschrieben.
- Was ist der Regenbogen, Herr? -
- Ein Reif für die Demütigen. -