Einkehr

23. 01. 2011

Das Wochenende ist oft der Ruhe gewidmet, der eigenen und der Ruhe der anderen. Wir fuhren zu einem nahen Fluß. Das Wetter war schlecht, das winterliche Hochwasser war dunkel und sah kalt und gefährlich aus. Aber es war still. Es war die Art von Stille, die einen nicht beunruhigt, weil sie von Dauer ist und den Betrachter nicht belästigt. Nach einer guten Stunde Nieselregen, Kälte, Stille und Hochwasser braucht man Kaffee und Kuchen. Das Lokal in der öden Kleingartenanlage sah auf den ersten Blick geschlossen aus. Beim zweiten bemerkte man ein vereinzeltes Licht hinter den dämmrigen Scheiben und man roch frisch gekochtes Sauerkraut. In dem tanzsaalgroßen Raum warteten zwei ältere Männer und eine Frau stumm auf ihr Essen, halbleere Bierflaschen vor sich. Auch hier war es still, obwohl Musik im Hintergrund spielte, aber die Musik konnte der Stille nichts anhaben. Die Stille behauptete sich. In zahllosen Vereinsjahren hatte sie Besitz von jedem Gegenstand genommen. Von den schmucklosen Holztischen, den verstaubten Fußballpokalen der regionalen Fußballmannschaft im Wandregal, den blechernen Aschenbechern mit der Schnapsreklame und den Stapeln von Bierdeckeln. Die Stille fand sich im Linoleum des Fußbodens und hing in den vergilbten Gardinen, sie überlebte in jedem Staubkorn und in allen geleerten Gläsern. Hier hängt der Mantel des Vergessens an der Garderobe, wollte ich witzeln, aber ich ließ es. Die Menschen schienen sich in dieser Stille eingerichtet zu haben, auch sie waren von dieser Stille erfüllt. Überall im Land würde es am Wochenende diese Bilder geben. Ich erinnerte mich plötzlich an die Stille, die in Wartezimmern herrschte, in städtischen Ämtern und Arztpraxen. Das Warten in diesen Räumen erschien mir immer wie ein langes Luftanhalten. Ich trank meinen Kaffee aus. Wir zahlten. Niemand sah auf, als wir hinausgingen. Auf der Heimfahrt sahen wir noch einmal den stillen Fluß in den Wiesen liegen. Wir fuhren mit zweierlei Arten von Stille nach Hause.