Monsieur Petibon

03. 11. 2012

Der erste Eindruck bestand aus einem Fisch, einem Holzfisch, der an der Wand des Touristenbüros in Paimpol hing. Der Fisch war ungefähr einen halben Meter lang und war nicht geschnitzt, sondern aus einzelnen Holzteilen zusammengesetzt. Diese Holzteile, von denen die Farbe abblätterte, die zerborsten und splittrig waren, stammten offensichtlich aus den Wracks alter, ausrangierter Fischerboote; Fundholz, Planken, Bretter und dergleichen. Augen oder Zähne bestanden ebenfalls aus Dingen, die nutzlos geworden waren, am Ende weggeworfen wurden. So schaute man in Plastikaugen, die vorher Flaschenverschlüsse gewesen waren, Augen aus Korkstücken, die früher in Netzen gehangen hatten, Scharniere, die als grimmige Gebiße  in aufgerissenen Fischmäulern weiterexistierten oder steife Flossen bildeten. Der Fisch selbst war kunterbunt, denn der Künstler, Jean-René Petibon, hatte dem Holz die ursprüngliche  jeweilige Farbe gelassen. So wirkte der Fisch wie ein lebendiger Teil der Bretagne. Er verkörperte nicht allein ein Geschöpf der Natur, sondern die gewaltige Geschichte des Meeres und die mühevolle Arbeit des Fischfangs. Etwas von der früheren Seefahrt und dem Leben auf der rauhen See lebte in diesem bunten Holzfisch weiter. Dennoch stimmte  das Kunstwerk heiter, das war faszinierend.

Faszinierend war auch die Tatsache, dass der Künstler ganz in der Nähe lebte, direkt an der Meeresbucht, in einem abgelegenen Haus mit einem wunderbaren Blick über das Wasser.  Es war sehr ruhig dort, nur ein paar Möwen schwebten hoch oben in der Luft. Waren sie auch aus Holz? Hatte der Künstler sie aus alten Schiffsteilen zusammengefügt, um sie dem Wind auszusetzen?

Monsieur Petibon lachte freundlich, als er uns hereinbat. Wir gingen durch die Werkstatt ins Wohnhaus. Die Werkstatt war voller Zeug. Große Teile von Schiffsrümpfen, von Masten und Decksplanken. Man fand Wimpel und Fahnen, große und kleine Anker, zerschlissene Netze, Bojen und nautisches Gerät, dazu Dinge, die man am Strand findet,  schön geformte Steine und Muscheln. Gläser voller Sand und Kieseln, mit Murmeln und Glasscherben. An den Wänden ausgediente Ruder, Angelzeug, Reusen, Schwimmwesten und Steuerräder.

Das Wohnhaus war Ausstellungsraum, wenn auch privat. Nicht nur Holzfische schwammen uns in Massen entgegen, sondern eine Holzschildkröte stellte mir ein Bein und ein großer Reiher versperrte den Treppenaufgang zum ersten Stock. Krähen flatterten aus der niedrigen Decke und die Dielen des Fußbodens wurden zu einem Floß. Wir bekamen etwas zu trinken und wir unterhielten uns in gebrochenem Französisch. Im Hintergrund klangen die etwas wehmütigen Lieder von Georges Brassens, der auch in dieser abgeschiedenen Gegend gelebt hatte. Und, konnte er, Petibon, gut von seiner Kunst leben? Er war zufrieden, in der nächsten Woche würde er eine Ausstellung in einer Galerie in der Nähe des Hafens haben, das wäre gut, da wären viele Touristen. Uns fiel ein, dass wir nächste Woche wieder daheim sein würden.

Seltsamerweise fallen mir in der Erinnerung an unser Gespräch in dem schönen alten Haus am Meer immer  die alten Bluesmusiker ein. Das muss an der Gelassenheit des Franzosen Petibon gelegen haben, der, obwohl noch nicht richtig alt, vielleicht Mitte Fünfzig, genau diesen Eindruck eines erfahrenen, weisen, grauhaarigen Musikers aus dem Süden Amerikas machte. Eines Mannes, der vielleicht  seit der Kindheit immer in der Nähe des Wassers gelebt hat, nur ist es bei ihm statt des Ol`Man River  das wilde Meer der Bretagne. Was mich auch, oder vorrangig, an die mutmachende, nie destruktiv wirkende Musik des Blues bei ihm erinnerte, das war die Beharrlichkeit, die er ausstrahlte, das Wissen, es richtig zu machen, egal, woher der Wind wehte. Eine Beharrlichkeit, die ein achtzigjähriger Musiker beweist, wenn er Abend für Abend mit einer Gitarre die Bühne erklimmt. Ich stelle mir vor, dass Monsieur Petibon mit einer ähnlichen Beharrlichkeit arbeitet, während unentwegt die Wellen an den Strand schlagen und mit den Jahren die Kiesel rund schleifen.

Das Meer selbst gibt dem Künstler Petibon sein Material, das Meer und die Ungeduld des Menschen, der Dinge schnell für nutzlos erklärt. Wir kauften einen Fisch, er ließ sich leicht fangen und mit nach Hause nehmen, und dank seines Schöpfers erinnert er uns stets an etwas, das wir vielleicht irgendwann vergessen hätten, ohne es zu spüren.