Entdeckung

26. 10. 2011

Ein Herbsttag in Holland, sonnig und klar, Schafe und Kühe wie kleine Buckel in der flachen Landschaft. Felder, eingezäunte Wiesen, Strauchwerk und Büsche, dazwischen mal ein Hof, eine Toreinfahrt. Alles ist friedlich. Ebenso wir, still und friedlich, auf dem Weg zum Meer. Das Meer ist immer eine Sensation, gerade im Oktober, weit und rauh und abenteuerlich. Auf der Strasse ist wenig Verkehr. Plötzlich jedoch: eine Reihe parkender Wagen am grünen Saum des Strassenrandes und eine stattliche Anzahl von Menschen. Männer, Frauen, Jugendliche, bunt gemischt, jedoch alle in Freizeitkleidung, wie Wanderer, wie Jäger. Jagen sie? Vom Wiesenrand aus? Was sollte man in diesem kleinen Land schon jagen? Statt mit tödlichen Gewehren sind sie dann auch nur mit Photoapparaten bewaffnet, allerdings mit riesigen Photoapparaten, auf dreibeinigen Stativen befestigt, mit Teleobjektiven, so lang wie die Kanonen einer niederländischen Festung. Diese Teleobjektive sind alle auf einen Punkt hinter den Wiesen gerichtet. Was gibt es da? Wir strengen unsere Augen an, suchen hastig die Büsche ab, spähen neugierig über die kahlen Felder. Sicherlich hat sich ein gefährliches oder seltenes Tier dort verborgen und man wartet auf sein atemberaubendes  Erscheinen. Auch wir warten, aber nichts geschieht. Trotzdem schauen alle immer wieder durch die Linsen ihrer Gerätschaften und sehen glücklich aus. Irgendwo weit weg meine ich ein Haus zu sehen. Ist dieses Anwesen vielleicht das Objekt der Begierde? Proben dort die Rolling Stones? Hat sich Paris Hilton dort für ein entspanntes Wochenende zurückgezogen, Lady Gaga? Wir halten die Spannung nicht länger aus und treten näher an einen der Photographen heran. Der Mann lächelt, deutet vage irgendwohin und sagt nur, was in meinen Ohren klingt wie ” Kleinschnaaper”. Kleinschnaaper? Was bedeutet das? Was ist ein Kleinschnaapper? Unsere Unwissenheit scheint ihn zu barmen und er macht mir Platz am Teleskop. Ich beuge den Rücken und schaue hindurch. Zuerst sehe ich nichts. Ich sehe nichts, weil ich einen Bären erwarte oder zumindest einen holländischen Wolf. Ich sehe nur Gras und Zweige im Wind. Dann jedoch, da ist etwas, etwas Lebendiges. Auf  dem Pflock eines Holzzaunes sitzt ein Vogel. Selbst in der Vergrößerung sieht er winzig aus. Er ist grau, recht unscheinbar, und hat nichts von Paris Hilton Gaga. Ein kleiner grauer Vogel, der im Herbstwind auf einem Zaun sitzt. Wieder sagt der holländische Naturfreund etwas wie ” Kleinschnaaper” zu mir, stolz und mit Begeisterung in den Augen. Ich lächele zurück, ich verstehe. Dann gehen wir zum Wagen zurück und fahren weiter. Später sitzen wir in einem Cafe´am Meer und die Wellen gehen hoch und der Himmel ist voller jagender Wolken. Alles ist sehr beeindruckend und elementar. Ich aber denke an den Kleinschnaaper, einen kleinen grauen Vogel. Ich weiß immer noch nicht, ob er wirklich Kleinschnaaper heißt, und welche Bedeutung er für die Welt hat. Immerhin sind etliche Menschen für ihn aufgestanden und haben sich mit sündhaft teurem Photogerät für Stunden an einen matschigen Wiesenrand gestellt. Es war ihre Entdeckung und sie haben mich an ihr teilhaben lassen.