Der Märchenfischer

22. 01. 2014

Ich hörte von dem Märchenfischer, lange bevor er in unser Dorf kam. Damals war er natürlich nicht der Märchenfischer, sondern nur ein Mann, den mein Vater aus dem Krieg kannte, und der eine Art Freund oder sogar ein Lebensretter für meinen Vater bedeutete, ein Mann, der aus dem Osten stammte und über unzählige Fähigkeiten verfügen sollte.
Er hieß Max Lenard und es gab ein Photo, das zeigte ihn und meinen Vater, wie sie dicht nebeneinander auf einem grauen Kasernenhof standen und schüchtern in die Kamera lächelten.
Die Art, wie sie dastanden, offenbarte eine Nähe zueinander, die mich überraschte. Auch das Aussehen meines Vaters ließ mich erstaunt auf die vergilbte Aufnahme starren. Er war ein schlanker, gut aussehender Kerl mit scharfen Gesichtszügen und fast athletischem Körperbau. Der junge Mann daneben ähnelte ihm, so wie sich Soldaten auf alten Bildern immer ähnlich sehen.
Später sah mein Vater ganz anders aus, so, wie ich ihn bis zu seinem Tod in Erinnerung behalten sollte, mit Halbglatze und breitem Gesicht und mit der Halbkugel des sogenannten Wohlstandsbauches. Es hatte nur weniger Jahre bedurft, um aus dem jungen hübschen Mann, der noch etwas Offenes und Abenteuerlustiges im Blick hatte, den aufgeschwemmten, selbstzufriedenen Bürger zu machen, als den ich ihn kannte.

Mein Vater schaute sich das Photo gerne an, weniger jedoch, um sich selbst zu betrachten, sondern eher seinen Kriegskameraden. Tief gebeugt konnte er es minutenlang ansehen, völlig abwesend, während meine Mutter, die neben ihm auf dem Sofa saß, verlegen zur Seite schaute oder in Illustrierten blätterte, ganz so, als sei ihr die Vergangenheit peinlich.

Bevor er das Fotoalbum zuklappte und in einer Schublade der Kommode verstaute, sang mein Vater stets das Loblied auf seinen ehemaligen Gefährten.

” Er konnte jeden Weg finden, sogar in der Nacht. Er sah alles, wie eine Eule. ”

Meine Mutter schlug gelangweilt die Seiten um.

” Er konnte Fische fangen, mit der bloßen Hand. Er konnte immer etwas zu essen auftreiben. ”

Meine Mutter versank im Gesicht eines Filmschauspielers, der ganzseitig abgebildet war, und seufzte.

” Und wenn es nichts zu essen gab, absolut nichts, dann konnte er aus Schnee einen Kuchen  backen. ”

Mein Vater lachte leise auf.

” Und nach dem zweiten Stück glaubte man wirklich, Schokolade und Sahne zu schmecken. ”

Er warf meiner Mutter einen schnellen Seitenblick zu, aber die blieb unbeeindruckt von der Schneetorte, legte die Zeitung auf den Tisch und ging in die Küche.

Ich fragte natürlich, was aus diesem seltsamen Menschen, aus diesem Alleskönner, denn geworden sei. Warum kam er nie zu Besuch? Warum kam er nie in unser Dorf, nach Dagehusen?

War er vielleicht tot, im Krieg gefallen, oder an einer schrecklichen Krankheit gestorben? Mein Vater sah durch mich hindurch und schüttelte den Kopf. Er schien sich anzustrengen.

“Nein, nein. Er lebt nicht hier, er ist weggegangen, weit weggegangen. ”

” Wohin denn? ”

” Nach Amerika “, antwortete mein Vater.

 

( Auszug aus ” Der Märchenfischer “, Roman,  Horlemann Verlag Berlin 2012 )